Gewalt gegen Frauen // floomedia

Österreichs strukturelles Problem mit Gewalt gegen Frauen

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Am 8. März ist internationaler Frauentag. Auch als Weltfrauentag bekannt, wird dieser seit über 100 Jahren begangen. Zum Anlass dieses wichtigen Tages, wollen wir auf das strukturelle Problem der Gewalt gegen Frauen in Österreich und die Prävention dieser aufmerksam machen.

Dafür haben wir die Geschäftsführerin des Vereins der Wiener Frauenhäuser und Expertin der Gewaltprävention Andrea Brem interviewt:

Wer ist Andrea Brem?

  • Anfang 1980 Ausbildung an der Wiener Sozialakademie
  • Seit 2001 als Geschäftsführerin Verein Wiener Frauenhäuser
  • 2018 Verleihung des Frauenpreises in der Kategorie Gewaltschutz

Gewalt gegen Frauen ist für viele ein Teil ihres Lebens – auch in Österreich

Jede fünfte Frau erlebt in Österreich ab ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt in der Partnerschaft. Das zeigte eine Erhebung der Agentur der EU für Grundrechte zu geschlechterspezifischer Gewalt gegen Frauen 2014. Eine 2022 erschienene Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO zeigt, dass weltweit sogar jede vierte Frau ab dem 15. Lebensjahr Gewalt durch den Partner ausgesetzt ist.

Gewalt gegen Frauen - Vergleich in Europa
Zur interaktiven Karte – ©️FRA & EuroGeographics

Diese Gewalt gegen Frauen ist fast ausschließlich männlich. Laut dem Tätigkeitsbericht der Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie 2019 sind in Österreich mehr als 90% der gefährdenden Personen Männer.

Im schlimmsten Fall führt diese Gewalt sogar zum Tod. 2021 war ein weiteres Jahr, in welchem in Österreich mehr Frauen als Männer ermordetet wurden. Über die 31 von Männern begangenen Femizide 2021 haben wir bereits hier berichtet:

Warum hat Österreich so ein großes Problem mit Gewalt gegen Frauen?

Laut Andrea Brem werde Gewalt gegen Frauen in Österreich noch immer nicht ernst genug genommen und Behörden würden dies erst tun, wenn es bereits zu schweren Verletzungen oder Ermordung von Frauen gekommen ist. Zudem gebe es trotz guter Opferschutzgesetze Probleme beim Vollzug dieser. Es müsse mehr Austausch zwischen Opferschutzeinrichtungen, Polizei und Justiz geben, so Brem.

Als möglichen Grund, warum Männer gegenüber Frauen so häufig gewalttätig werden, nennt sie die immer noch vorherrschenden patriarchalen Strukturen in Österreich. Männer seien es oft einfach noch gewohnt ihre Meinung durchzusetzen, wenn nötig auch mit Gewalt.

Das Patriarchat bedeutet die Herrschaft der Männer. Es ist ein von Männern geschaffenes System, in welchem Frauen strukturell benachteiligt und ausgebeutet werden.

„Gewalt ist immer eine Frage der Macht.“

Andrea Brem

Die Statistik der letzten Jahre ist dabei eindeutig: Seit mehr als fünf Jahren werden in Österreich jedes Jahr mehr Frauen als Männer ermordet. Österreich gilt zwar als ein sehr sicheres Land und die Mordrate ist zuletzt auch wieder leicht rückgängig, aus einem Faktencheck der Austria Presse Agentur geht jedoch hervor, dass Gewalt gegen Frauen und die Häufigkeit von Femiziden davon aber weniger betroffen zu sein scheinen, da diese am Häufigsten in Beziehungen und im privaten Bereich geschehen. Gewalt gegen Männer hat hingegen oft andere Hintergründe, wie ein kriminelles Umfeld, das es in Österreich einfach nicht so häufig gibt.

Die Pandemie erschwerte zudem die Datenerhebung in Europa auch noch zusätzlich, mit dem Effekt, dass Eurostat, die Verwaltungseinheit der Europäischen Union zur Erstellung amtlicher Statistiken in Europa, in den letzten zwei Jahren keine europaweite Statistik zu Gewalt gegen Frauen zur Verfügung stellen konnte. Das „European Institute for Gender Equality“ erwartet erst 2023 wieder vollständige und vergleichbare Daten für alle Länder. Es wird von einer Verschlimmerung der Lage durch die Pandemie ausgegangen.

Wie reagiert Österreichs Politik auf Gewalt gegen Frauen?

Grundsätzlich hat sich in der Politik und der gesamten Gesellschaft ein Bewusstsein breitgemacht, dass gegen die Gewalt gegen Frauen angetreten werden muss, so Andrea Brem. Österreich wäre einmal Vorreiter bei Gewaltschutzgesetzen gewesen – in den letzten Jahren hätte sich aber nicht viel getan, erklärt sie weiter. Im Gesetz verankerte Maßnahmen wie Fallkonferenzen würden kaum durchgeführt werden und auch in der Obsorge gibt es Probleme. Zudem hält laut Österreichischem Frauenring das 2021 von der Regierung angekündigte Gewaltschutzpaket viele Versprechen nicht.

Die sogenannten Fallkonferenzen wurden 2018 unter der türkis-blauen Regierung Kurz abgeschafft. Seit dem 01.01.2020 sind sie wieder im Gesetz verankert. Diese dienen dazu, dass Opferschutzeinrichtungen besser mit Behörden und anderen Institutionen zusammenarbeiten und sich austauschen können. Laut Andrea Brem finden diese in Wien aber kaum statt. Sie fordert, dass es diese wieder vermehrt geben müsste.

Für gewalttätige Elternteile darf es keine Obsorge geben

Andrea Brem kritisiert, dass Frauen in Scheidungsverfahren oft noch um die Obsorge ihrer Kinder kämpfen müssen und das obwohl der Vater gewalttätig ist. Das heißt auch wenn Frauen den Schritt gegangen sind, ihren gewalttätigen Partner zu verlassen, werden sie mit diesem konfrontiert. Auch im Sinne der Kinder dürfe es erst wieder Kontakte zum gewalttätigen Elternteil geben, wenn diese bereit sind, Anti-Gewalttrainings zu absolvieren und die Kinder den Kontakt auch wieder möchten.

Zur Obsorge und zum Kindschaftsrecht ist eine Gesetzesnovelle geplant. Andrea Brem hofft, dass diese in die richtige Richtung gehen wird; von diversen Organisationen wurde aber bereits Kritik zur Reform laut, wie der Standard bereits berichtete: Zukünftig soll es für beide Elternteile eine automatische Obsorge ab Geburt des Kindes geben.

Der Österreichische Frauenring, der Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser und der Verein Feministischer Alleinerzieherinnen sehen darin aber einen Verlust des Selbstbestimmungsrechts für Mütter. Die Novelle wird vom Justizministerium erarbeitet und soll noch 2022 in Begutachtung gehen.

Das umfassende Gewaltschutzpaket der Regierung schließt wichtige Institutionen wie Frauenhäuser aus

Mit 24,6 Millionen Euro sollte 2021 mit dem Gewaltschutzpaket ein Zeichen gegen Gewalt gegen Frauen gesetzt und mehr Gelder zur Gewaltprävention zur Verfügung gestellt werden. Frauenhäusern sowie Frauen- und Mädchenberatungsstellen seien davon aber ausgenommen, kritisierte im Oktober 2021 Klaudia Frieben, Vorsitzende des Österreichischen Frauenrings in einer Presseaussendung. Die Regierung fördere Gewaltschutzzentren und investiere in die Täterarbeit. Sehr viel Beratungs- und Betreuungsarbeit für von Gewalt betroffenen Frauen werde jedoch in etablierten Opferschutz, Gewaltschutzeinrichtungen und Beratungsstellen erledigt, heißt es in der Meldung. Gerade diese würden von den zusätzlichen Geldern ausgeschlossen werden.

Was für zusätzliche Maßnahmen sollte es für die Gewalt gegen Frauen geben?

Andrea Brem fordert, dass Kinder bereits in der Schule über Gewalt in der Familie lernen sollen. Sie kritisiert, dass jungen Menschen oft einfach nicht beigebracht wird, wie richtige Erziehung funktioniert. Bei Personen außerhalb des Erziehungssystem sieht Brem die Wichtigkeit der korrekten Berichterstattung der Medien und die Täterarbeit mit gewalttätigen Männern.

Verpflichtender Ethikunterricht für alle anstatt Religionsersatz

Alle Kinder sollen über Gewalt in der Familie lernen. Dass nur Kinder ohne Religionsunterricht Ethikunterricht haben, sei unsinnig, sagt Brem. Auch Workshops für Kinder geleitet von Expert*innen kann sich Brem vorstellen, um sie über Gewalt in der Familie und Beziehungen aufzuklären und zu informieren. Wichtig wäre laut Andrea Brem auch, dass junge Menschen über richtige Erziehung lernen – diese sei in der Bildung oft vernachlässigt.

2020 wurde der verpflichtende Ethikunterricht für alle Schüler*innen die keinen Religionsunterricht besuchen beschlossen. Davor gab es diesen als Schulversuch. Der Ethikunterricht soll Schüler*innen Orientierung für grundsätzliche Fragen im Leben bieten und Werte für das Zusammenleben vermitteln.

Korrekte Medienberichterstattung ist unheimlich wichtig

2021 stand das Thema Gewalt gegen Frauen in Österreich oft im medialen Spotlight. Oft werden dabei aber einfach falsche oder verzerrende Formulierung in der Berichterstattung verwendet. Es ist von Beziehungsstreits und ähnlichen die Rede – dabei wird aber der Fakt des Problems der so häufigen Gewalt gegen Frauen völlig in den Hintergrund gestellt. Gerade die korrekte Berichterstattung ist wichtig, denn laut Andrea Brem melden sich mehr betroffene Frauen, desto mehr über die Gewalt gegen Frauen berichtet wird.

Was ist Täterarbeit?

Derzeit müssen Männer nach einer Wegweisung sechs Stunden verpflichtende Beratung annehmen. Brem fordert aber mehr und längerfristiges Anti-Gewalttraining, denn es sei unrealistisch, dass sich ein gewalttätiger Mann nach nur sechs Stunden so grundlegend verändern würde. Finanziertes längerfristiges Anti-Gewalttraining könnte dabei einen entscheidenden Faktor zur Verminderung von Gewalt gegen Frauen spielen. Täterarbeit ist dabei immer Opferschutzorientiert. Das heißt, dass auch die betroffenen Frauen weiterhin betreut werden.

Die Polizei darf potentielle gefährdende Personen aus einer Wohnung wegweisen und mit einem Betretungsverbot belegen. Die Gefährdenden dürfen die Wohnung dann für zwei Wochen nicht mehr betreten und der gefährdeten Person nicht näher als 100 Meter kommen. Die Wegweisung kann bei Gericht, wenn nötig, auf maximal vier Wochen verlängert werden.

Mittlerweile gibt es auch flächendeckende Männerberatungsstellen an die sich Männer wenden können. Diese bieten ein breites Spektrum an Hilfe an, darunter auch die Gewaltprävention.

Wie leicht ist es in eine gewalttätige Beziehung zu rutschen?

Zu jeder fünften Frau, die von Gewalt in der Partnerschaft betroffen ist, gibt es auch fast immer einen Mann als Täter. Weil eben viele Männer gewalttätig sind, ist die Chance an einen gewalttätigen Partner zu geraten leider nicht gering. Deshalb sollte gerade zu Beginn einer neuen Beziehung auch trotz verliebt seins und großer Leidenschaft darauf geachtet werden, ob auch die anderen Rahmenbedingungen passen.

Wie sieht Gewalt in der Beziehung aus?

Extreme Eifersucht:

  • Ständiges Nachfragen und Kontrolle durch den Partner
  • Das Bestehen darauf, sich nicht mit Freund*innen oder Kolleg*innen zu treffen

Abwertungen:

  • Demütigung
  • Runter/Schlecht machen

Probleme in der Sexualität:

  • Nötigung zu Praktiken die man nicht mag
  • Schmerzen und Scham

Körperliche Gewalt:

  • Stoßen
  • Schlagen und Ohrfeigen

Was kann ich tun, wenn ich von Gewalt betroffen bin?

Gewalt gegen Frauen hat viele Facetten und ist anfangs meist subtil und darf auf keinen Fall ignoriert werden. Sobald ein Gefühl der Angst oder Scham auftritt, sollte unbedingt versucht werden, darüber zu reden. Sei es Freund*in, Vertrauensperson oder auch eine anonyme Beratungsstelle.

Es ist in solchen Fällen unheimlich wichtig, füreinander da zu sein und zuzuhören. Betroffene brauchen weiterhin jemanden, dem sie sich anvertrauen können, selbst wenn sie den Rat vielleicht nicht sofort annehmen.

Genieren muss sich nie die Person, die Gewalt erleidet, genieren muss sich immer der, der sie austeilt.

Andrea Brem

Oft würden sich Frauen und Mädchen aber zu sehr schämen und sich selbst ihren Freund*innen nicht anvertrauen – damit spielen sie aber nur dem Gewalttäter in die Hände und ermöglichen ihm, sie noch mehr zu isolieren, so Brem.

Für diesen Fall gibt es kostenlose und anonyme Beratungsstellen und Hotlines um schnell Hilfe für Gewalt gegen Frauen zu erhalten. Dort kann dann auch gleich das weitere Vorgehen besprochen werden.

Wie geht es betroffenen Frauen in den Frauenhäusern?

Frauenhäuser bieten umfassende Unterstützung in allen Lebensbereiche für von Gewalt betroffene Frauen. Frauen ginge es zu Beginn oft ganz schlecht, erzählt Andrea Brem. Der Schritt, von zuhause wegzugehen und alles hinter sich zu lassen sei hart, es überwiege dann aber dennoch meist ein Gefühl der Sicherheit.

Das Ziel der Frauenhäuser ist es aber auch, betroffenen Frauen und ihren Kindern soweit es geht Normalität zurückzugeben und zu ermöglichen, damit diese ihren Alltag leben können. Das heißt, Frauen können auch, soweit es die Sicherheit zulässt, weiter ihren Beruf ausüben und auch jederzeit aus dem Frauenhaus rausgehen.

Um die Sicherheit garantieren zu können, sind die Adressen von Frauenhäusern geheim und der Einlass wird streng kontrolliert, damit die Mitarbeiterinnen immer wissen wer das Frauenhaus betritt.

Zusätzlich zu all diesen Sicherheitsvorkehrungen wird auch mit jeder Frau noch ein sogenannter Sicherheitsplan erarbeitet. Der soll ihnen dabei Helfen zukünftige Gefahrensituationen zu vermeiden und im Ernstfall sich schützen zu können.

Frauenhäuser und Frauenberatungsstellen bieten schnelle und professionelle Hilfe für alle Frauen an. Auch wenn es großen Mut erfordert, sollte keine Frau davor zurückschrecken, im Ernstfall diese Hilfe in Anspruch zu nehmen. Leider ist Gewalt gegen Frauen immer noch ein großes Problem in unserer Gesellschaft und jede Frau kann davon betroffen sein. Aber genau deshalb darf niemals weggesehen werden, wenn sie passiert.

In diesem Sinne wünschen wir euch noch einen schönen Weltfrauentag! 🙂

Hilfe und Hotlines

Telefonnummern des Vereins Wiener Frauenhäuser:

Tag und Nach Hilfe:
05 77 22
Anonyme Beratung:
01 512 38 39
E-Mail: best@frauenhaeuser-wien.at

Zusätzliche Telefonnummern:

Frauenhelpline gegen Gewalt: 0800 222 555
24-Stunden Frauennotruf der Stadt Wien: 01 71 71 9
Rat auf Draht: 147