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„9 to 5 ist scheiße“ – Die Arbeitsmentalität im Umbruch

Arbeitskräftemangel in Österreich

floo.Kurzfassung

  • Viele Menschen zweifeln am traditionellen Berufskonzept und haben Angst, am Ende ihres Lebens keine Erfüllung zu finden.
  • Die niedrigen Durchschnittsgehälter in Österreich lassen den Traum von Wohneigentum unerreichbar erscheinen.
  • Die ältere Generation hat hauptsächlich aufgrund von Wiederaufbau und wirtschaftlichem Aufschwung gearbeitet, während die jüngere Generation sich fragt, ob der Wohlstand aufrechterhalten werden kann.

Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen. Das wurde uns doch schon von klein auf immer so eingetrichtert. “Geh hackeln, verdien´ dein Geld und dann hast du später Zeit, das Leben so richtig zu genießen.” So war es schließlich schon immer. Von nix kommt nix.

Seit Jahrzehnten herrscht so ziemlich das gleiche Berufskonzept vor: Von 9:00 bis 17:00 Uhr arbeiten, fünf Tage die Woche, fünf Wochen im Jahr Urlaub und das bis man 65 ist. Doch genau dieses Denken wird seit geraumer Zeit auf den Kopf gestellt. Laut Eurostat arbeiten Österreicherinnen und Österreicher in ihrem Leben durchschnittlich 37,5 Jahre (Stand 2019) und damit mehr als im EU-Durchschnitt. Dennoch klagte Gerald Loacker von den NEOS vergangenes Jahr: “Die Leute wollen nix mehr arbeiten.” 

Zu viel Arbeit und zu wenig vom Leben, das ist ein immer dominierender Gedanke unter Menschen, vor allem jungen. Doch woher kommt das? Wieso legen sich die Balken gegenüber dem traditionellen Berufskonzept so quer? Und wie sehen das andere Generationen? 

Was ist so schlecht an 9 to 5 Jobs? 

Ein stabiles Einkommen und ein regelmäßiger Alltag. Das kommt dabei raus, wenn man 9 to 5 Jobs in ein Rezept gießt. Klingt doch nicht so schlecht, oder? Dennoch sehen viele darin verschwendete Zeit, die letztendlich nicht den Reichtum bringen wird. Folglich stellt sich die Frage: Wozu das Alles? 

8 Stunden Arbeit pro Tag, exklusive etwaiger Pendelzeit. Ein Drittel des Tages geht also für reine Arbeitszeit drauf. Mitunter die größten Lichtblicke im Arbeitsalltag ist der Freitag und der Pay-Check am Ende des Monats. Die Woche soll im Idealfall möglichst schnell vergehen, doch damit vergeht auch das Leben in gleicher Geschwindigkeit. Und am Wochenende müssen sich viele erstmal von ihrer intensiven Arbeitswoche erholen. In diesem Sinne verlebt man sein Leben, man ist gefangen in diesem wiederkehrenden Zyklus und macht immer und immer wieder dieselben Erfahrungen vom Büro und der Mittagspause und der Fahrt zur Arbeit und dem Sofa danach. Die Angst entsteht, dass man im vorangeschrittenen Alter keine Erlebnisse hat, an die man sich gerne zurückerinnert. Doch um diese Erlebnisse machen zu können, braucht es Zeit, an der es in einem Leben, das der Arbeit gewidmet ist, für viele zu mangeln scheint. 

Ein 9 to 5 Job bringt Einkommen und das monatlich. Doch wie viel? Klar gibt es besser oder schlechter bezahlte Jobs, doch laut Statista verdient der Durchschnitt in Österreich 23,617 Euro netto im Jahr. Mit dem Alter steigt zwar das Einkommen, doch auch über 65-Jährige kommen über ein durchschnittliches Jahreseinkommen von 35,326 Euro netto nicht hinaus. Folglich stellen sich immer mehr Menschen die Frage, wozu sie überhaupt noch arbeiten gehen sollen. Der Traum von einer Eigentumswohnung oder gar -haus rückt in weite unrealistische Ferne. Der ohnehin schon trübe Ausblick wird durch die Inflation und die Erhöhung des Leitzins, welcher Kredite teurer macht, nicht besonders lichter. Wozu also hackeln? Ich soll mir den A* für andere aufreißen und selbst am wenigsten davon profitieren? 

Leben im Hier und Jetzt: Mit den Boomern auf Kriegsfuß

Die Generationen vor uns wuchsen während des Krieges beziehungsweise der Nachkriegszeit auf. Die Generation Z (ab Jahrgang 1995) hingegen wurde in einen Wohlstand hineingeboren. Naturgemäß spalten sich hier die Erfahrungen und Mentalitäten unter den Generationen. 

Nach dem Krieg lag Österreich in Schutt und Asche. Das Land war wirtschaftlich am Ende, das internationale Ansehen nicht besonders erstrebenswert, die Zukunft ungewiss. Mittels Aufbauhilfen erholte sich die Republik nach und nach, der Lebensstandard stieg an. Aus Nichts wurden Existenzen geschaffen, sowohl im privaten als auch im öffentlichen Bereich. Der Preis hierfür: Arbeit. 

Generation Z indes wuchs in einer Zeit auf, in der Österreich bereits zu einem der wohlreichsten Ländern weltweit gehörte. Man müsste sich keine zu großen Gedanken über die Zukunft machen – wäre da nicht der Klimawandel, eine Pandemie, die Inflation und ein Krieg in Europa. Momentan funktioniert und passt zwar alles noch (mehr oder weniger), doch wie lang noch? Ist dieser Wohlstand zu halten? Werden wir in Zukunft noch dieselben Möglichkeiten haben, die Welt zu bereisen, unsere Passionen zu entdecken und das Beste aus unserer begrenzten Zeit hier zu machen? Die Welt ist fragil und bevor das Kartenhaus zusammenfällt, möchte man eventuell noch auf die Spitze klettern. Sein Leben auf der Arbeit zu verbringen, während die Welt in die Brüche geht, scheint für viele keine Motivation zu sein. Aus “zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen” wurde “zuerst das Vergnügen, wer weiß, ob ich sonst dazu überhaupt noch kommen werde.”

Der Widerspruch in den Mentalitäten zeigt sich hier schon deutlich. Das Klagen über die Jugend hatte auch Sokrates im antiken Griechenland schon beherrscht, doch auch heute ist es nicht anders. Insbesondere dieser Arbeitsmentalitätswandel sorgt zusätzlich für mürrische Kommentare der älteren Generationen über die Faulheit unserer Generation. Generation Z hingegen sieht sich teils als diejenigen, die endlich aus einem kapitalistischen und arbeitsorientierten Gefängnis, in dem unsere Gesellschaft seit Jahrzehnten steckt, auszubrechen.  

Ist die Abkehr von 9 to 5 schlecht? 

Dass 9 to 5 Jobs immer mehr in Bedrängnis geraten, bleibt von führenden Politikerinnen und Politikern nicht unbemerkt. Es erscheint logisch, dass sich die Wirtschaft in einem Land ändern wird, wenn viele Leute gar nicht mehr oder nur im geringeren Ausmaß arbeiten gehen.  Arbeitsminister Kocher (ÖVP) warnt deshalb in der Zeit im Bild 2 (ORF): Der Sozialstaat brauche für seine Finanzierung Arbeitskräfte. 

Der Gedankengang ist simpel: Wer arbeitet, zahlt Steuern. Arbeiten weniger Menschen, nimmt der Staat weniger Steuergeld ein. Hat der Staat weniger Geld, kann er weniger für sozialstaatliche Leistungen hergeben. 

Aber was war der Sozialstaat noch mal genau? Ein Sozialstaat, wie Österreich, strebt nach sozialer Gerechtigkeit. Insbesondere in Krisenzeiten – Krankheit, Arbeitslosigkeit etc. – sichert der Sozialstaat die Menschen ab. So gibt es in Österreich etwa eine Krankenversicherung, Arbeitslosengeld, eine Pensionsversicherung und Familienbeihilfe. Dafür benötigt es klarerweise einiges an Geld und genau dieses wird durch höhere Steuern erlangt (beispielsweise die Sozialversicherungssteuer). Falls der Sozialstaat nicht mehr finanzierbar ist, könnten diese Privilegien wegfallen und als Folge die soziale Gerechtigkeit abnehmen und der soziale Frieden zusammenbrechen.

Dieser Artikel ist Teil eines Themenprojekts. Mehr zum Thema Arbeitskräftemangel in Österreich findest du hier im Hauptartikel: